Es war einmal - aus unserer Schach-Chronik (2)

Spieglein, Spieglein, an der Wand...

Am 10.Februar 1962 kam es in der Augsburger Verbandsklasse zur Begegnung Kriegshaber I gegen Bärenkeller I. Bei uns belegten inzwischen (nach dem Weggang unseres langjährigen Spitzenspielers Paul Herden zum Konkurrenzverein) Erwin und Otmar Gänsler die Spitzenbretter 1 und 2. Angeregt durch ein Ereignis bei der damaligen Schacholympiade (wenn ich mich entsinne: die Begegnung zwischen der Sowjetunion und Kuba) hatten sich unsere beiden Spitzenbretter überlegt, dass man das nachmachen könne.

So wartete Otmar (Weiß) auf den Zug des Gegners von Erwin (der mit Schwarz spielte), und machte ihn umgehend nach. Daraufhin wartete Erwin, welche Erwiderung Otmars Gegner spielte, um auch diese umgehend nachzumachen. Letztendlich spielten so die beiden Spieler von Bärenkeller gegeneinander, so dass eine Punkteteilung an den beiden Brettern anstand.

Drollig war, dass die beiden gegnerischen Spieler weit über 20 Züge nicht merkten, was hier los war; naja, Erwin und Otmar machten beide einen sehr entspannten Eindruck, wanderten viel umher und schauten nur, dass sie umgehend zogen. Erst als einer der beiden Kontrahenten aufstand um sich mal einen Gesamteindruck vom Match zu verschaffen, kam er auch auf die Seite der Kriegshaber Spieler zu stehen. Beim Blick auf die - nicht seine eigene - Partie, meinte er zuerst, "die Stellung sieht ja fast genauso aus wie meine eigene". Erst danach dämmerte so langsam was insgesamt so abging. Das gab dann einen gewissen Tumult (beim Fußball hätte man wohl von "Rudelbildung" gesprochen), ein Blick in die Turnierordnung zeigte, dass das Ganze nicht verboten war, somit nichts illegales, es blieb der Begriff "unsportlich", aber letztendlich einigte man sich, Protest einzulegen und die beiden Spitzenbegegnungen remis zu geben.

Das Ganze machte dann eine gewisse Welle, die einmal durch Augsburg rollte, wie ein Tsunami in Fernost. Es gab eine Spielleitersitzung, bei der man aber ebenfalls keinen Regelverstoß feststellen konnte und somit die beiden Remisen bestätigte. Allerdings wurde sofort ein Verbot des Spiegelschach in die Turnierordnung des Augsburger Verbands aufgenommen. Die Augsburger Allgemeine widmete der Thematik einen umfangreicheren Artikel mit dem reißerischen Titel "Spiegel-Schach - das Ende der Mannschaftskämpfe". (Hier der Artikel:)

Nachtrag 1: Der gesamte Mannschaftskampf endete mit 5 : 3 für Bärenkeller, das am Ende der Saison souverän den ersten Platz belegte.

Nachtrag 2: Auslöser war wie schon erwähnt ein Match bei der Schach-Olympiade gegen die Sowjetische Mannschaft, die als unschlagbar galt. Auch hier dauerte es einige Züge, bis Spieler und Funktionäre den Braten rochen. Eine Regel, die Spiegel-Schach verbot, gab es nicht explizit, aber nach kurzem Nachdenken ließen die sowjetischen Spieler ihre Bedenkzeit weitgehend herunterlaufen und blitzten dann in den letzten Minuten die Partien zu Ende; mit diesem Zeitnachteil für die Nachzieher gingen dann alle Begegnungen zu gunsten der sowjetischen Mannschaft aus, die 4 : 0 gewann.



Autor dieser Meldung:Eckhardt Frank
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Kommentare zu dieser Meldung:

Name und ZeitpunktKommentar
Lothar schrieb am 25.03.2019 gegen 18:15 Uhr Köstlich - vor allem auch aus regeltechnischer Sicht. Wo hast Du denn diesen uralten Artikel bloß ausgegraben?
Eckhardt schrieb am 25.03.2019 gegen 20:51 Uhr Aus unserer Turnier-Chronik
Patrick schrieb am 26.03.2019 gegen 21:21 Uhr Coole Sache!
Die Story gibt‘s ganz ähnlich in Sidney Sheldons Roman „Kalte Glut“ aus dem Jahr 1985, in dem die Hauptfigur, Tracy Whitney, auf einem Schiff gegen einen ehemaligen und einen amtierenden Schach-Weltmeister antritt - einmal mit Weiß und einmal mit Schwarz - und wettet, gegen mindestens einen der Beiden ein Remis herauszuholen. Letztlich lässt sie die beiden, ebenso wie in der Turnier-Chronik, ohne deren Wissen gegeneinander antreten. Es kommt zum Remis und sie gewinnt mit diesem Trick 200.000 $.


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